Mehr Kennzahlen. Mehr Meetings. Mehr Transparenz. Mehr Steuerung.
So zumindest die Hoffnung.
In vielen Unternehmen passiert jedoch das Gegenteil: Mit jeder neuen Kennzahl, jedem zusätzlichen Reporting und jeder weiteren Abstimmungsrunde sinkt die Zeit, in der tatsächlich Wert geschaffen wird. Ausgerechnet die Instrumente, die Effizienz steigern sollen, werden selbst zum grössten Effizienzhemmnis.
Der Wunsch nach Kontrolle ist verständlich
Führung bedeutet Verantwortung. Entscheidungen sollen nachvollziehbar sein, Risiken früh erkannt und Ressourcen sinnvoll eingesetzt werden. Kennzahlen können dabei wertvolle Orientierung bieten. Sie helfen, Entwicklungen sichtbar zu machen und fundierte Entscheidungen zu treffen.
Problematisch wird es dann, wenn Kennzahlen nicht mehr der Entscheidung dienen, sondern zum Selbstzweck werden.
Wenn jede Abweichung einen Bericht auslöst, jede Zahl erklärt werden muss und jede Entscheidung mehrere Freigaben benötigt, verschiebt sich der Fokus: Weg von der Wertschöpfung, hin zur Verwaltung der eigenen Arbeit.

Der paradoxe Effizienzverlust
In der Prozessoptimierung spricht man häufig von Verschwendung. Dabei denken viele zuerst an Material, Lagerbestände oder unnötige Wege. Eine der teuersten Formen der Verschwendung bleibt jedoch oft unsichtbar: die gebundene Arbeitszeit hochqualifizierter Mitarbeitender.
Ein Beispiel:
Ein Unternehmen führt wöchentliche Kennzahlenmeetings ein. Zunächst dauert die Sitzung 30 Minuten. Nach einigen Monaten kommen neue Kennzahlen hinzu. Weitere Bereiche möchten vertreten sein. Aus 30 Minuten werden 90.
An der Sitzung nehmen zwölf Personen teil.
90 Minuten × 12 Personen ergeben 18 Arbeitsstunden pro Woche.
Auf das Jahr gerechnet bindet allein dieses Meeting rund 900 Arbeitsstunden. Das entspricht mehr als einem halben Vollzeitpensum, ohne dass dadurch zwangsläufig ein einziger zusätzlicher Kunde gewonnen, ein Produkt verbessert oder ein Prozess beschleunigt wurde.
Natürlich können Meetings sinnvoll sein. Entscheidend ist jedoch, ob ihr Nutzen den Ressourceneinsatz tatsächlich rechtfertigt.
Wenn Kennzahlen Verhalten verändern
Kennzahlen beeinflussen nicht nur Entscheidungen. Sie beeinflussen auch Verhalten.
Wer ausschließlich an Termintreue gemessen wird, vermeidet möglicherweise innovative Lösungen, die kurzfristig mehr Zeit benötigen.
Wer Kosten minimieren muss, spart womöglich an Qualität.
Wer möglichst viele Projekte gleichzeitig starten soll, produziert Überlastung statt Fortschritt.
Eine Kennzahl bildet immer nur einen kleinen Ausschnitt der Realität ab. Gute Führung berücksichtigt deshalb stets den Kontext und verlässt sich nicht ausschließlich auf Dashboards.
Kontrolle ersetzt kein Vertrauen
Je größer die Unsicherheit, desto stärker wächst häufig der Wunsch nach Kontrolle.
Es entstehen zusätzliche Freigabeschritte, Statusberichte und Abstimmungen. Dahinter steckt meist keine schlechte Absicht, sondern das Bedürfnis nach Sicherheit.
Ironischerweise erzeugt diese Form der Kontrolle oft genau das Gegenteil:
- Entscheidungen dauern länger.
- Verantwortlichkeiten werden unklar.
- Eigeninitiative nimmt ab.
- Mitarbeitende investieren mehr Zeit in Dokumentation als in Problemlösung.
Menschen richten ihre Energie auf das aus, was gemessen wird, nicht unbedingt auf das, was dem Unternehmen den grössten Nutzen bringt.

Woran erkennt man ein übersteuertes System?
Einige Warnsignale begegnen mir in Organisationen immer wieder:
- Sitzungen dienen überwiegend dem gegenseitigen Berichten statt dem gemeinsamen Entscheiden.
- Kennzahlen werden erhoben, ohne dass daraus konkrete Maßnahmen folgen.
- Mitarbeitende erstellen Berichte, von denen niemand weiß, wer sie tatsächlich nutzt.
- Für Entscheidungen sind immer mehr Unterschriften erforderlich.
- Führungskräfte verbringen einen Großteil ihrer Zeit mit Statusabfragen statt mit der Entwicklung ihrer Mitarbeitenden.
Nicht selten arbeiten hochqualifizierte Menschen an der Optimierung von Excel-Tabellen, während operative Probleme ungelöst bleiben.
Weniger messen. Besser steuern.
Effektive Kennzahlensysteme zeichnen sich nicht durch ihre Größe aus, sondern durch ihre Relevanz.
Jede Kennzahl sollte eine einfache Frage beantworten:
Welche bessere Entscheidung können wir treffen, weil wir diese Information haben?
Kann diese Frage nicht beantwortet werden, lohnt es sich, die Kennzahl kritisch zu hinterfragen.
Dasselbe gilt für Meetings.
Vor jeder Sitzung dürfen drei Fragen erlaubt sein:
- Muss diese Sitzung überhaupt stattfinden?
- Müssen wirklich alle eingeladenen Personen teilnehmen?
- Welche konkrete Entscheidung treffen wir am Ende?
Bleiben diese Fragen unbeantwortet, ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass wertvolle Arbeitszeit lediglich organisiert statt genutzt wird.

Führung bedeutet, Komplexität zu reduzieren
Gute Führung schafft Orientierung. Sie reduziert unnötige Komplexität, statt neue zu erzeugen.
Kennzahlen, Reportings und Meetings sind wertvolle Werkzeuge, solange sie den Menschen dienen. Werden sie jedoch zum Selbstzweck, entsteht ein paradoxer Effekt: Der Wunsch nach maximaler Kontrolle führt zu geringerer Effizienz, weniger Eigenverantwortung und sinkender Innovationskraft.
Vielleicht liegt die entscheidende Führungsfrage deshalb nicht darin, welche Kennzahl noch fehlt.
Sondern welche wir morgen nicht mehr benötigen.
Impuls für Führungskräfte
Fragen Sie sich in Ihrer nächsten Teamsitzung:
Welche unserer Regelmeetings würden wir wirklich vermissen, wenn sie ab morgen nicht mehr stattfinden würden?
Die Antwort darauf sagt häufig mehr über die Effizienz Ihrer Organisation aus als jedes Dashboard.
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